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Sabrina Tophofen erzählt über ihre Erfahrungen mit Missbrauch, Gewalt und Diskriminierung

Auf dem Bild sitzt Anette Welp mit Autorin Sabrina Tophofen am Tisch im Café Wunderbar.

Eine besondere Lesung gab es am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Mädchen und Frauen, im Café Wunderbar in Trebur. Die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten Anette Welp und Astrid Plahuta hatten Autorin Sabrina Tophofen eingeladen, auf die Anette Welp vor vier Jahren während einer Recherche in den Sozialen Medien aufmerksam geworden war.

„Lebenslänglich, … psst wenn nachts der Papa kommt“ und „Mein Leben als Straßenkind - So lange bin ich vogelfrei“ lauten die beiden Titel der Bücher, in denen die Autorin über ihre Erlebnisse schreibt, die sie als Kind und Jugendliche erduldet hat. Damit geht sie an die Öffentlichkeit, um Kindesmissbrauch, Gewalt und Diskriminierung aus der Tabuzone zu holen.

Es war keine Lesung im klassischen Sinn. Denn Sabrina Tophofen stand eineinhalb Stunden vor den rund 20 Anwesenden und erzählte aus ihren Büchern, anstatt daraus zu lesen: Warum und wie es möglich war, ein Mädchen so lange zu misshandeln und missbrauchen, ohne dass sich jemand dafür verantwortlich fühlte.

Ihre Geschichte begann in Duisburg. Die Mutter war eine Sinti und der Vater deutsch-holländischer Abstammung. Beide Elternteile leben heute nicht mehr. Der Vater missbrauchte Sabrina Tophofen und ihre Schwester. Die Mutter duldete den Missbrauch Bei einem Wohnungsbrand starb die Schwester. Sabrina Tophofen war gerade mal fünf Jahre alt.

Eine Familiengeschichte, in der nicht nur Gewalt und Missbrauch, sondern auch Diskriminierung eine große Rolle gespielt haben. In der Schule wurde Sabrina Tophofen aufgrund ihres Aussehens und ihrer Herkunft beschimpft und gedemütigt.

Mit zehn Jahren hatte das Kind den Mut, den Vater anzuzeigen. Sie wurde aus der Familie herausgenommen und landete in geschlossenen Kinderheimen. Weil sie auch dort Gewalt und Demütigungen aufgrund ihres Aussehens und ihrer Herkunft ausgesetzt war, floh sie aus dem Heim und machte sich auf den Weg nach Köln. Dort lebte Sabrina Tophofen sechs Jahre als Deutschlands jüngstes Straßenkind auf der Kölner Domplatte. Für die meisten war sie nur ein Problem der Straße und nicht das kleine Mädchen, das dort nichts zu suchen hatte.

Doch begegneten Sabrina Tophofen auch Menschen, die ihr wohlgesonnen waren und ihre Not erkannten. So wurden Streetworker auf sie aufmerksam, als sie vierzehn Jahre alt war. Sie brachten sie in Hotels unter, sorgten dafür, dass sie ein Wochengeld bekam, damit sie nicht auf der Straße leben musste.

„Lieber Gott, warum hilfst du mir nicht?“, fragte das Mädchen Sabrina Tophofen immer wieder, auf der Suche nach Gott, der doch bitte einschreiten sollte. „Ich bin nicht religiös. Aber ich weiß nach all den Erfahrungen, die ich machen musste und durfte, dass es einen Gott gibt.“

Sabrina Tophofen ist eine starke und kraftvolle Frau. Und so schaffte sie es trotz der traurigen Erfahrungen in Kindheit und Jugend aus dem Milieu herauszukommen. Ihr Wille und ihre Kraft halfen ihr dabei, den Weg in ein normales Leben zu finden. Die junge Frau machte ihr Fachabitur und eine Ausbildung.

Immer wieder suchte sie den Kontakt zur Mutter. Und weil Sabrina Tophofen keine Ruhe fand, machte sie sich auf den Weg, ihre Wurzeln zu finden, setzte sich mit ihrer Familiengeschichte auseinander. Bei ihrer Suche erfuhr sie erst vor kurzem aus Berichten und Erzählungen über das Schicksal ihrer Sinti-Familie in die Zeit des Dritten Reiches.

Ihre Sehnsucht, wieder in die Familie aufgenommen zu werden und gehört zu werden, verfolgte sie bis in ihre Träume. Hartnäckigkeit und Kraft halfen ihr letztendlich, wieder Kontakt zu ihrer Familie zu bekommen.

Es geschieht tatsächlich das Wunder, dass sich 2020 die Familie ihr wieder zugewandt hat und Sabrina Tophofen endlich Gehör fand. Heute kann Sabrina Tophofen, die mit richtigem Namen Claudine Wendelburg heißt, mit ihrer Familie über all ihre schrecklichen Erlebnisse sprechen.

„Denn nur, wenn wir das Schweigen brechen und anderen davon erzählen, geben wir den Opfern, die sich akut in so einer Situation befinden, Mut nicht aufzugeben und für ihre Rechte zu kämpfen.“

Die Autorin ist verheiratet und hat heute fünf Kinder. Aus Dankbarkeit und Demut gründete sie das Begegnungscafé „Dein Name ist Mensch“ sowie einen Verein, in dem sich die Dreiundvierzigjährige bis heute für Kinder und Jugendliche sowie auch für Menschen in Not einsetzt. Die Bücher können in der Bücherei Trebur ausgeliehen werden.

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